Shrinking Cities
Sleeping Beauty / Dornröschen

Ort Typ
Halle . Halle-Neustadt Stadtentwicklungsplanung

Ideenwettbewerb

Team
Christian Rappel, Markus Stempl mit Susanne Lux, Ingo Pucci, Sina Pucci

Auszeichnung
engere Wahl

Ausstellungen
01/2005 Deutsches Architektur Zentrum, Berlin, shrinking cities
05/2005 Galerie suitcasearchitecture, Berlin, Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe: manifestmaschine 03 part II „Das Bild der Stadt“

Veröffentlichungen
05/2005 Sleeping Beauty / Dornröschen. Manifest für die Latente Stadt, in: archplus, Nr. 173, Shrinking Cities, Mai 2005, S. 24f
09/2006 Sleeping Beauty / Dornröschen. Manifest für die Latente Stadt, in: Philipp Oswalt, Kristina Herresthal (Hg.): Shrinking Cities. Complete Works 2. Interventionen, Aachen 2006, shrinking cities, archplus

Sleeping Beauty / Dornröschen. Manifest für die Latente Stadt
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1. ABRISSSTOPP!
2. BAUSTOPP!
3. KOMA!
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Was wir nicht wollen …
… ist die Vernichtung von greifbarer Geschichte,
deshalb: ABRISSSTOPP!
… ist das widersinnige Nebeneinander von Neubau und Abbruch,
deshalb: BAUSTOPP!
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Das Instrument …
… für den Umgang mit ungenutztem Stadtvolumen ist: das künstliche KOMA!
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Was wir wollen …
… ist eine Spiegelung des Zeitgeistes im Bild der Stadt!
… ist eine Sprache für einen negativen Städtebau!
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Es scheint zumindest folgerichtig, dass in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität die
Stadt wächst, große Unternehmen in die Höhe bauen, kleine Bankfilialen ihre Fassaden mit spanischem Naturstein verkleiden und der private Bauherr sein Glück im Speckgürtel
der Stadt findet.
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Der Gegenentwurf zur wachsenden Stadt könnte der rational durchaus schlüssige
Rückbau derselben sein. Ist dieser Prozess des Schrumpfens aber für die nachfolgenden
Generationen im Stadtbild noch erkennbar? Büßt die Stadt auf diese Weise nicht ihren
Charakter ein? Wird dadurch nicht ein Teil der Kulturgeschichte eliminiert? Was kann
abgerissen werden: das Unbrauchbare, das Hässliche, das Verwitterte? Darf man sich von einem Stück Stadt eines totalitären Regimes entledigen? Konzepte die einen Rückbau von schrumpfenden Städten auf die alte Stadt fordern, sind sehr bequem und gleichermaßen populär – machen sich aber bereits bei der Definition von „alt“ angreifbar. Mit einer schrumpfenden Stadt in Dialog zu treten, statt sie teilzuamputieren, ist die Handlungsstrategie der vorliegenden Arbeit.
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Basis
Ein „Baugesetz“ verbietet Neubauten und erlässt ein Abrissverbot. Grundsatz: Das
Stadtvolumen (Brutto-Raum-Inhalt der Stadt) soll gleich groß bleiben. Verlassene Gebäude werden als solche im Stadtgefüge dezidiert kenntlich gemacht und in ein künstliches Koma versetzt. Parallel dazu werden Baugesuche nur noch für Umbaumaßnahmen genehmigt, die vorhandene Gebäudevolumen besetzen. Dadurch werden Bauherren dazu bewegt ihre Projekte (vom Einfamilienhaus bis zum Möbeldiscount) im Bestand zu realisieren. Wenn „neu gebaut“ werden soll,
geschieht dies nicht auf der grünen Wiese, man nistet sich vielmehr in das bestehende Stadtvolumen ein.
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Szenarien
In szenografischen Modellstudien wurden zwei charakteristische Stadtteile von Halle
(Südliche Stadterweiterung + Neustadt) in unterschiedlichen Koma-Stufen untersucht (das theoretisch denkbare Szenario PLUS wurde nicht behandelt). Szenario MINUS: Die Stadt wird Stück für Stück in ein künstliches Koma versetzt: in der letzten Konsequenz bis zur Geisterstadt (Jungle-City). Szenario ZERO: Die Situation der Stadt stagniert im jetzigen Zustand. Nach wie vor finden aber singuläre Umzugsmaßnahmen, Neuansiedlungen im Bestand und Abwanderungen statt: Einzelne Stadtquartiere und Gebäude werden ins Koma versetzt, andere wieder daraus erweckt. Es kommt zu Umbauten, in Ausnahmefällen zu Erweiterungen, aber zu keinen vollständigen Abrissen.
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Für die beiden Stadtteile werden unterschiedliche Ansätze zur Diskussion gestellt. Südliche Stadterweiterung: Verlassene Gebäude werden ins Koma versetzt, die Raumkanten der lückenhaften Gründerzeitblocks mit grünen Scheinfassaden nachgezeichnet und bei Bedarf mit neuer Nutzung besetzt. Neustadt: Intakte und genutzte Gebäude bleiben unangetastet. Die übrigen Bauten werden ganz oder teilweise ins Koma versetzt bzw. umgebaut. Dabei wird das inhärente Potential der Plattenbauten genutzt: Fassadenplatten können partiell abgenommen, nicht tragende Wände entfernt werden. Eingriffe in die Tragstruktur werden vermieden.
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Koma
Verlassene Gebäude werden durch eine Begrünung der Fassade aus dem Stadtgefüge
ausgeblendet (und der Natur zugeordnet), bleiben aber durch die Reduktion auf ihren Grundkörper als Stadtbaustein präsent. Als erster Koma-Schritt wird ein Rankgerüst angebracht, das von Stockwerk zu Stockwerk gespannt werden kann (ohne Baugerüst). Verschiedene Rankpflanzen geben den Gebäuden ein neues, sich wandelndes Kleid (Verwilderung statt Gestaltung). Ähnliches gilt für ungenutzte Freiflächen: Um den sich selbstorganisierenden Renaturierungs-Prozess anzustoßen, werden Straßen und versiegelte Flächen aufgebrochen, anfallender Schutt an Ort und Stelle belassen und Saat gestreut. Manche Gebäude werden von Facility-Managern betreut, andere von Förstern und wieder andere von beiden.
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Prozesse
Durch das Nebeneinander von komatösen und intakten Gebäuden oder ganzen Stadtvierteln, wandelt sich das Bild der Stadt zu einem langfristig nachvollziehbaren Abbild des Zeitgeschehens. Die Leere in der Stadt wird nicht totgeschwiegen, sondern akzeptiert, inszeniert und benutzt. Der Schrumpfungsprozess bleibt in der Stadt und an den Gebäuden ablesbar: Eine Baulücke wird zum Spielplatz oder zum Einfamilienhaus, ein Häuserblock zur grünen Lunge, eine Straße zum Park, ein Plattenbau zum Bürogebäude, ein Parkplatz zum Schrebergarten, ein Bürgerzentrum zum Tennisplatz, ein Verwaltungsgebäude zur Künstlerkolonie, eine Stadt der totalen Moderne zur Gartenstadt, ein Hochhaus zum Mount Everest, ein Serienmodell zum Rohling, eine Straßenbahnlinie zum Jogging-Pfad, ein Industrieprodukt zur Enklave für Aussteiger und Einsiedler, ein Stadtteil zum Biotop. In einem Prozess mit offenem Ende beginnen Architektur und Natur zu konvergieren:
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Die Latente Stadt